MS ASTOR  &  MS ASTORIA

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DER SAMMLER

 

Schornstein-Besichtigung auf der Ms ASTORIA "Geburtstagsreise" 2007 in Agadir

 

Fotostrecke "Schornstein-Besichtigung" - zum vergrößern bitte anklicken ...

 

       

     

 

 

Aus MS ASTOR / MS ASTORIA - Eine deutsche Geschichte von Klaus Bröking, HEEL Verlag - 2007 

Der Archivar der beiden Schwestern

 Timo Meyer hält eine Messingdose in der Hand. „Jungfernreise MS Astor 23.12.81 – 6.1.82“ ist darauf eingraviert. Darunter ein Porträt von Herrn Astor. „Früher“, sagt der Bremer, „war sie noch versilbert.“ Das war damals, als sie der Tabakkonzern Reemtsma gefüllt mit Zigaretten auf die Kabinen stellte, als Erinnerung an eine historische Kreuzfahrt. Timo Meyer ist Sammler. Seine Wohnung in einer alten Werftsiedlung kann gar nicht alles fassen, was er in den Jahren zusammengetragen hat. Da ist das Modell des Schiffes, das die TV-Crew einst für die Dreharbeiten der „Traumschiff“-Folgen brauchte. Eine Offiziersmütze liegt neben den einst aufwendig gestalteten Seifepäckchen für die Passagiere. Das Alu-Besteck der „MS Arkona“ teilt sich den Platz in der Vitrine mit dem schweren Silber, das unter der deutschen Flagge einst auf den Tischen des Speisesaales lag. Der Archivar der Astor kramt in einem Zeitschriftenständer und holt zwei Blaupausen hervor: „Das sind die Original-Baupläne für die Astor I und II.“ Er legt sie neben die Schiffsschraube, die eigentlich in ein Beiboot des Kreuzfahrers eingebaut werden sollte, aber den Qualitätsmaßstäben nicht entsprach.

 

Wie wird man Fan von einem Schiff? Für Timo Meyer ist das eine Reise in seine Kindheit. Wenn Oma Friedel auf den Kleinen aufpassen durfte, dann wurde immer „Traumschiff“ im Fernsehen geschaut: „Bei uns in Deutschland war es Winter und das Schiff fuhr in den Sommer. Mich faszinierte schon der Vorspann, in dem die Astor hinter dem Hamburger Michel zu sehen war. Sascha Hehn wurde zwar nicht mein Vorbild, aber ich erinnere mich noch gut, dass ich wie er in der Serie Steward werden wollte.“ Träume eines kleinen Jungen, die bald der Realität begegnen sollten.

 

Timo fuhr 1984 mit der Familie zu seinem Onkel nach Hamburg. „Wir fuhren mit der S-Bahn zu den Landungsbrücken von St. Pauli, gingen aus dem Ausgang heraus und dann stand sie plötzlich da, die Heldin meiner Jugend“. Der damals 13-Jährige war von der weißen Astor mit dem dicken roten Streifen am Rumpf fasziniert. „In dem Alter kommt einem ein solches Schiff natürlich noch viel größer und beeindruckender vor.“ Timo wollte unbedingt eine Postkarte von dem Schiff mit nach Hause nehmen. Doch, keiner der vielen kleinen Andenkenlädchen an den Landungsbrücken konnte damit dienen. Der Junge von der Weser gab nicht auf. Gleich gegenüber war die Hauptverwaltung der HADAG, unter deren Flagge einst sein Traumschiff fuhr. Der Pförtner musste doch noch eine Karte haben. Der Mann am Eingang telefonierte ein wenig herum, „und dann kam eine für mich damals sehr alte Dame und drückte mir eine Karte und ein Buch mit dem Titel ,MS Astor – Auf allen Weltmeeren eine Klasse für sich’ in die Hand“.

 

Das Buch sollte später einmal eine wichtige Rolle spielen, aber zuerst war für den Jungen das Kapitel „Traumschiff“ damit auch abgehakt: „Ich hatte andere Interessen und wollte auch nicht mehr zur See fahren.“ Als der erwachsene Timo Meyer auf Trödelmärkten herumstöberte und die eine oder andere Erinnerung an seine Kindheit suchte, die ihm damals wichtig war, inzwischen aber in Mülleimern oder in den Spieltruhen von jüngeren Verwandten und Bekannten verschwunden war, erinnerte er sich wieder an den Tag an der Elbe. Irgendwo musste dieses Buch doch sein. „Ich habe meine Eltern gefragt und sogar meinen Bruder beschuldigt. Es tauchte aber nicht wieder auf.“

 

Timo Meyer machte sich auf die Suche und entdeckte viel. Er fand Erinnerungen an die Geschichte der Astor, aber nicht sein Buch. Auch die Telefonate mit Buchhändlern und dem Verlag halfen da nichts. „Der Handel im Internet war damals noch nicht so alltäglich wie heute. So war es ein zeitraubendes Hobby.“ Doch, der Grundstein für die Sammlung war gelegt. Und Hartnäckigkeit zahlt sich mit der Zeit aus: „Ich entdeckte das Buch im Hamburger Staatsarchiv. Die hatten zwei Exemplare davon. Erst habe ich mir eins davon ausgeliehen, eingescannt und ausgedruckt. Da hatte ich es schon wieder mal in der Hand. Später haben sie mich angeschrieben, weil sie ein Buch davon verkaufen wollten. Ich habe dann für fünf Mark zugeschlagen.“

 

Die Suche nach einem Tag in seiner Kindheit hatte aber längst ganz andere Früchte getragen. Timo Meyer war von der spannenden Geschichte seiner Astor in den Bann gezogen worden. Er wollte mehr darüber wissen. Seine Sammlung wächst ständig. Manchmal nur eine Postkarte mit einem Bild des Schiffes in den norwegischen Fjorden, die in Japan im Internet angeboten wird. Manchmal aber auch um ein paar prunkvolle Teller aus den Anfangstagen des Schiffes. „Dafür habe ich mich bei der Reederei in Rostock, die zu DDR-Zeiten die Arkona betrieb, bis zu einem Mann im Lager durchgefragt. Ich dachte mir, irgendwo müssen doch die Sachen geblieben sein.“ Die Enttäuschung war groß, als der Arbeiter ihm mitteilte, das ganze Geschirr aus glorreichen Tagen sei zerstört und in dem Fundament seines schmucken Ein-Familien-Hauses verarbeitet worden. Aber schließlich entdeckte er doch noch ein paar Teller. „Die muss er aus dem Garten ausgegraben haben.“ Wenn Timo Meyer dann seiner Frau Carola sagt, er müsse mal schnell nach Rostock, um ein paar Teller abzuholen, dann schüttelt die schon einmal den Kopf.

 

Und das tat Carola auch an dem Tag, an dem ihr Mann ihr eröffnete, er möchte einmal an Bord seines Traumschiffes gehen. „Wir hatten nicht das Geld für eine Kreuzfahrt, aber ich hatte im Katalog gesehen, dass auf dem Schiff Partynächte veranstaltet werden. Sozusagen ein nächtlicher Ausflug aufs Meer mit einer Menge Stimmung an Bord. Das konnten wir uns leisten.“ Das wollte Carola aber eigentlich nicht. Sie hielt die Fahrt mit einem Kreuzfahrer doch eher für ein Vergnügen älterer Herrschaften. Aber, was tut man nicht alles für seine große Liebe? Das Paar, damals noch nicht verheiratet, machte sich auf den Weg nach Hamburg. „Es war wieder wie damals in meiner Kindheit. Wir kamen aus dem S-Bahnhof heraus und da lag sie vor uns. Die Astor war zur Besichtigung freigegeben. Wir waren ganz aufgeregt. Die vielen Menschen, die sich nur einmal kurz neugierig auf einem Kreuzfahrer umschauen wollten, mussten gleich das Schiff verlassen und wir durften die Nacht darauf verbringen.“ Erst einmal sind sie beiden zwei Stunden lang von einer zur anderen Seite gelaufen und haben alles fotografiert, was ihnen vor die Linse kam. Und dann standen Carola und Timo an der Rezeption und wurden als „Herr und Frau Meyer“ begrüßt. Nein, verheiratet seien sie noch nicht. Das mache doch nichts, schließlich könne man auf Schiffen auch gut heiraten. Gilt das denn? Wenn das Schiff zum Beispiel in Bremerhaven liege und ein Standesbeamter an Bord käme, dann könne durchaus der Bund für Leben besiegelt werden, lautete die Antwort. „Wir sind dann zusammen auf unsere Kabine gegangen. Dort lagen die neuen Kataloge aus. Carola hat darin herumgeblättert und auf eine Kreuzfahrt gezeigt: „Ab 23. September 2002, rund um Westeuropa, das würde passen.“

 

Es passte. An dem besagten September-Tag wurden die beiden dann auf der MS Astoria „Herr und Frau Meyer“. Rund 60 Gäste waren dabei, die sich sputen mussten. Zeit blieb nur von 10 bis 16 Uhr, dann kamen die neuen Passagiere an Bord. Und als das dann „Leinen los“ hieß und das frisch vermählte Paar genug gewunken hatte, ertönten plötzlich die Sirenen zur Seenot-Rettungsübung: „Wir kamen uns ziemlich dumm vor, Carola im Hochzeitskleid und ich im schwarzen Anzug und beide die Rettungswesten um.“

 

Eine Kreuzfahrt ist nicht eben ein Billigurlaub. Für Timo Meier ist es erschwinglicher, in die Geschichte der Astor und Astoria zu reisen. Hier einmal einen Euro für eine Postkarte auf dem Flohmarkt, und dort vielleicht einmal 35 Euro für ein bebildertes Tagebuch einer Reise, das ein Paar geschrieben hat, das inzwischen verstorben ist, und dessen Erben es nicht mehr haben wollen. Im weltweiten Internet nach solchen Erinnerungsstücken zu suchen, ist für den Sammler eine eher nüchterne Angelegenheit. „Viel schöner ist es, wenn ich die Leute treffe, die die Sachen so lange verwahrt haben. Es sind in den meisten Fällen interessante Leute, mit denen ich noch interessantere Gespräche führe.“

 

Nachdenklich wird Timo Meyer, wenn er daran denkt, dass seine beiden Traumschiffe in ferner Zukunft auch einmal den Weg jeder technischen Errungenschaft gehen müssen. Irgendwann einmal wird die Reise von Astor und Astoria zu Ende sein. „Und dann“, scherzt der Archivar der geschichtsträchtigen Kreuzfahrer, „dann werde ich mir den Schornstein in den Garten stellen.“

 

 

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